Kapitulation in Gruiten

Siehe auch (X)

Die Übergabe Gruitens an die amerikanischen Truppen im April 1945

Auf Grund eines authentischen Berichtes zusammengestellt von Amtsdirektor a. D. Gustav Kipp

Nach der Ardennenoffensive im Dezember 1944 nahm das kurz zuvor neu aufgestellte Führungs-Einsatz-Bataillon - FEB 162 - am Rückzug über Schleiden-Euskirchen-Bonn (Südrand) teil und setzte als letzte Wehrmachtseinheit bei Bad Godesberg über den Rhein. Über die Sieglinie zog es sich dann über Waldbröl-Wermelskirchen in nordwestlicher Richtung auf Gruiten zurück. 

Am 15. April 1945 kam das FEB. 162 von Haan kommend in Gruiten an, und sollte hier Verteidigungsstellung beziehen. Dem Bataillons-Führer, Oberleutnant Baczewski, Träger des Deutschen Kreuzes in Gold, war bekannt, daß die auf Gruiten anrückende amerikanische Panzerspitze beabsichtigte, die Verteidigungslinie des Ruhrkessels im Süden, etwa in der Mitte zwischen Düsseldorf und Wuppertal bei Gruiten, aufzubrechen, um den Kessel aufzuspalten und einen Frontalangriff auf Wuppertal zu vermeiden. 

Entsprechend lautete der Verteidigungsauftrag an das FEB. 162, einen Durchbruch amerikanischer Panzer bei Gruiten zu verhindern. Der dem Bataillon zugewiesene Abschnitt begann im Westen an der Bahnlinie Düsseldorf-Wuppertal etwa in Höhe der Ortslage Frinzberg und zog sich ostwärts bis zur Kreuzung der Bundesstraße 228 Haan-Wuppertal mit der Landstraße 508 (Haaner Straße) in der Ortslage Polnische Mütze hin. Das Bataillon bestand aus 4 gut ausgerüsteten Kompanien, deren  Stärke etwa 500-600 Mann betrug. Die Kompanien wurden schwerpunktmäßig in diesem Abschnitt eingesetzt. Die Hauptkampflinie verlief entlang der Bahnlinie Düsseldorf-Wuppertal. Der Bataillons-Gefechtsstand wurde im Hause des Gruitener Kaufmanns Walter Lohoff, Bahnstraße 28, eingerichtet. Der Gefechtsstand der Division befand sich am Nordrand von Vohwinkel. 

Die Nacht vom 15. auf den 16. April 1945 hatte für die Soldaten des FEB. 162 und für die Gruitener Bevölkerung schicksalhafte Bedeutung. Der Keller des Hauses Bahnstraße 28, der als Gefechtsstand diente, sah den Bataillonsführer Johannes Baczewski und den Hausherrn Walter Lohoff, Teilnehmer des 1. Weltkrieges, die ganze Nacht hindurch im Gespräch. Beide waren sich in der Beurteilung der Lage einig: eine Verteidigung Gruitens konnte den Vormarsch der Amerikaner wohl für Stunden oder Tage verzögern, letztlich aber nicht verhindern. Im Verteidigungsfall mußte vielmehr die von den amerikanischen Truppen angewandte Taktik (begrenzter Rückzug bei Widerstand, Einsatz von Artillerie und Luftwaffe zur Brechung des Widerstandes) die Zerstörung des Ortes zur Folge haben und sowohl bei der kämpfenden Truppe als auch bei der Zivilbevölkerung schwerste Verluste fordern. ObIt. Baczewski gab im Morgengrauen des 16. April seinem Gesprächspartner zu verstehen, daß deutscherseits keine Kampfhandlungen eröffnet würden.

In der Frühe des 16. April erschienen im Gefechtsstand der damalige Pfarrer der kath. Kirchengemeinde St. Nikolaus in Gruiten, Prälat Bernhard Marschall, und ein Beamter des Amtes Gruiten, dessen Name nicht bekannt ist. Sie baten darum, alles zu tun, um den Ort, die Bevölkerung und die Soldaten nicht sinnlos dem Verderben preiszugeben. 

Inzwischen war es Tag geworden und dem Bataillonsführer wurde durch Kompaniemelder mitgeteilt, daß die amerikanische Panzerspitze am Südrand Gruitens in der Ortslage Gellenkothen aufgetaucht sei. Einer der Panzer wagte sich später bis in die Hochstraße vor, wurde hier aber wenige Meter vor der Eisenbahnbrücke abgeschossen und brannte aus. Bataillonsführer Baczewski befahl sofort die Kompanieführer seines Bataillons zu einer Lagebesprechung in den Gefechtsstand-Keller im Hause Lohoff. In der Zwischenzeit bis zum Eintreffen der Kompanieführer wurde angeordnet, daß die durch einen Pionierzug vorbereitete Sprengung der Eisenbahnbrücke im Straßenverlauf Hochstraße-Brückenstraße nicht auszuführen sei. 

In Anwesenheit von Walter Lohoff hat Bataillonsführer Baczewski den Kompanieführern seines Bataillons die Lage erklärt und vorgeschlagen, Gruiten den Amerikanern kampflos zu übergeben. Die anwesenden Offiziere billigten den Vorschlag. Ein Feldwebel meldete sich freiwillig, um mit der weißen Parlamentärsflagge vor Obtl. Baczewski herzugehen. Ebenfalls stellte sich der Bataillonsarzt, der über englische Sprachkenntnisse verfügte, freiwillig als Begleiter zur Verfügung. 

Während dieser Vorbereitungen kam es zu Schießereien an der Hauptkampflinie. Oblt. Baczewski befahl daraufhin die sofortige Feuereinstellung. Während sich die Kompanieführer zu ihren Einheiten begaben, fuhren einige amerikanische Panzer südlich der Bahn schießend umher. In Anwesenheit von Mitgliedern der Familie Lohoff wurden im Gefechtsstand die wichtigsten Papiere verbrannt und die Funkgeräte zerstört. Oberleutnant Baczewski, der Bataillonsarzt und der Feldwebel traten, nachdem sie ihre Waffen abgelegt hatten, mit der weißen Parlamentärsflagge auf die Bahnstraße hinaus. Im gleichen Augenblick wurde im Rathaus Gruiten die weiße Fahne gezeigt. Die Parlamentäre gingen die Bahnstraße hoch, bogen in die Brückenstraße ein und kamen bis zur Mitte der Eisenbahnbrücke. Hier wurde ihnen von den Amerikanern bedeutet, stehen zu bleiben. Gleichzeitig näherte sich eine Gruppe amerikanischer Offiziere. Mitten auf der Brücke traf man zusammen. Die Amerikaner führten die deutschen Parlamentäre zur Ecke Haaner Straße/Hochstraße, wo sich der amerikanische Kommandeur im Range eines Obersten befand. Diesem bot Oblt. Baczewski die kampflose Übergabe Gruitens an. Auf Anordnung des amerikanischen Obersten mußte ObtI. Baczewski einen Melder mit dem schriftlichen Befehl an die deutschen Soldaten zurückschicken, sofort die Waffen niederzulegen und sich im Dorf zu versammeln. Nachdem der Melder zurückgekehrt war und die Ausführung des Befehls gemeldet hatte, fielen in Gruiten einzelne Schüsse. Die Amerikaner - mißtrauisch geworden - vermuteten einen Hinterhalt. Daraufhin wurde Obtl. Baczewski aufgefordert, als Geisel vor amerikanischen Soldaten herzugehen und die Häuser einschließlich der Kellerräume in dem südlich der Bahn gelegenen Ortsteil nach deutschen Soldaten abzusuchen. Diese Aktion blieb ohne jedes Ergebnis. Es dauerte dann auch nicht lange und die ersten Gruppen deutscher Soldaten trafen waffenlos im Dorf ein. Mit ihnen gingen Obtl. Baczewski und seine Offiziere in amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Am 16. April 45 übergab Obtl. Johannes  Baczewski   Gruiten den amerikanischen Truppen kampflos und verhinderte damit die Zerstörung des Ortes sowie starke Verluste der Zivilbevölkerung und der ihm unterstellten Soldaten.

Oberleutnant Johannes Baczewski

Johannes Baczewski

 

Abschrift Archiv Stadt Haan

Dipl .Vet. Med. Johannes Baczewski

Tierarzt

75 Cottbus, Am Doll 7, DDR

           Tel. 32 161                                               Cottbus, den 16. April 1975

  

Amt Gruiten Rhld.

Sehr geehrter Herr Amtsdirektor!

Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger von Gruiten!

Der dreißigste Jahrestag der dramatischen Ereignisse des 16. April 1945 in Gruiten Rhld, der Ereignisse, die den Einwohnern von Gruiten, meinem Batallion dem F.E.B 162 der 62. VGD und mir das Ende der tragischen Kriegsjahre brachten, ist mir ein Anlaß in tiefer Besinnung all derer in Ehrfurcht zu gedenken, die mir an diesem 16. April 1945 mit weisem Rat, allen Gefahren zum Trotz, geholfen haben in den frühen Morgenstunden dieses Tages die einzig richtige Entscheidung der Kapitulation zu treffen.

Ganz besonders gedenke ich des damaligen Pfarrers von Gruiten, des Herrn Walter Lohoff und einiger Bürger, deren Namen mir unbekannt sind, die in tiefster Sorge um Männer, Frauen und Kinder von Gruiten sich persönlich bei mir für eine Rettung des Städtchens eingesetzt haben.

Seit diesem Tage sind nun dreißig Jahre vergangen und ich weiß nicht, ob noch einer dieser tapferen Bürger lebt. Ich bitte Sie daher herzlich, die noch Lebenden zu grüßen und den inzwischen Verstorbenen in meinem Namen durch ein Blumengebinde am Grabe zu gedenken. Den heute in Gruiten amtierenden Pfarrer bitte ich in einer hl. Messe derer zu gedenken, die verstorben sind.

Es ist mir leider nicht möglich es persönlich in Gruiten zu tun, da mein Gesundheitszustand eine so weite Reise mir nicht mehr erlaubt. Durch ein Krebsleiden habe ich meine Tätigkeit als praktizierender Tierarzt aufgeben müssen und die sofort eingeleitete Intensivbehandlung nach der Operation zwingt mich zur Schonung.

Daher bitte ich Sie meinen Wunsch zu erfüllen.

Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen an Sie und alle Bürger von Gruiten und besonders auch an die Tochter des Herrn Lohoff, die mir damals auch eine große Hilfe war.

 Ihr

Johannes Baczewski

 

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"Wie schon einmal erwähnt, in dem Bericht über die Kapitulation in Gruiten ist vermerkt, daß am frühen Morgen des 16.4.45 neben dem Prälaten auch ein Beamter des Amtes Gruiten anwesend war, dessen Name nicht bekannt sei.

 

Ich bin nach einer glaubwürdigen mündlichen Information durch meinen Vater davon überzeugt, daß dieser Mann der damals stellvertretende Amtsleiter des Amtes Gruiten, Herr Friedrichs, war, denn er hatte wiederum nach der Zusammenkunft in Lohhoffs Keller umgehend meinen Vater über die Ereignisse informiert.

Herr Friedrichs war ja auch derjenige, der Tage vorher meinen Vater über „Beseitigungsabsichten“ der örtlichen Parteiführung informiert hatte, die wohl in einem kleinen Parteigremium diskutiert worden waren.

 

Ich denke, Herr Friedrichs hat es verdient, daß man seinen Namen posthum auch an dieser Stelle durch eine Zusatzbemerkung in dem Artikel erwähnt. Du darfst meinen Namen als Zeitzeuge durchaus in dem Zusammenhang auch erwähnen."

 

Velbert-Neviges, im März 2010,

F.d.R.  U. Koch-Mehrin,

 

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Daten und Ereignisse überwiegend entnommen aus folgenden Veröffentlichungen:

 

Archiv Stadt Haan, Udo Koch-Merin

GRUITEN  Perle im Niederbergischen Land

Herausgeber:     Bürger- und Verkehrs-Verein Gruiten e. V.