Pfarrer Johannes Koch

Pastor der ev. ref. Gemeinden Oberwetz/ Kr. Wetzlar, 1927 - 1941 

 und Gruiten, 1941 bis 1946

 

                                  Kurzbiographie über die Zeit des Kirchenkampfes 1933 - 1945

 

Ein Pfarrer im Widerstand gegen die Kirchenpolitik der Reichsregierung, um die Verkündigung des    Bekenntnisses auf der Basis der Barmer Erklärung in der Evangelischen Kirche zu bewahren

 

Pfarrer Udo Johannes Koch, geb. am 21. November 1899 in St. Vith (heutige belgische Ostkantone), trat seine erste Pfarrstelle nach dem Vikariat 1927 in Oberwetz, Kreis Wetzlar, Synode Braunfels der Rheineschen Kirche, an.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland und der Verabschiedung der “Barmer Theologischen Erklärung” vom Mai 1934, an deren Vorbereitungskonferenz er beteiligt war, bekannte er sich zur Bekennenden Kirche und hatte von Beginn an sowohl  mit den staatlichen Behörden (Gestapo Frankfurt a.M./Wetzlar, Reg. Präs. in Wiesbaden, Landrat in Wetzlar u.a.) als auch der Kirchenleitung in Düsseldorf, seiner vorgesetzten Kirchenbehörde, die im “voreilenden Gehorsam”  mehr regimetreu (“Deutsche Christen”) als bekenntnistreu zu nennen war, sehr große Schwierigkeiten. Besonders nach 1938, als Dr. jur. A. Koch Kirchenpräsident des Konsistoriums geworden war und immer 100%igen Vollzug an den Evangelischen Oberkirchenrat in Berlin, einer untergeordneten Behörde des Kirchenministers, melden wollte, eskalierten die Probleme auch mit der Kirchenleitung.

Die Lehrer seiner zwei in der Synode Braunfels zu betreuenden Gemeinden haben ihn über Jahre seines Wirkens in Oberwetz bei der Gestapo denunziert aber auch bei der Kirchenleitung wegen nichtigster Vorfälle angeschwärzt. Entsprechenden Dokumente befinden sich in großer Zahl im Hessischen Staatsarchiv in Wiesbaden, dem Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland zu Düsseldorf und in Privatbesitz.

Bei der Reichstagswahl im März 1936 haben Pfarrer Koch und seine Frau als einzige Wähler am Ort weiße, d.h. ungültige Stimmzettel, abgegeben. Die Folge war unmittelbarer “Volkszorn” vor dem Pfarrhaus, Demonstrationen durch SA- und HJ-Verbände mit eindeutigen Drohungen und Steinwürfe durch die geschlossenen Fenster.

Waltraud, Johannes mit Udo und Else Koch 1935 in Oberwetz

In einem Schreiben  vom 31. März 1936 an den Reichskanzler Adolf Hitler hat er seine Gründe für seine Ablehnung der Wahl dargelegt. Ob das Schreiben den “Führer” erreicht hat, ist nicht erwiesen, es wurde aber bei der Gestapo in Frankfurt sehr wohl gelesen und registriert. (Beweis: u. a. “Gestapoübergabeschreiben” v. 27. Juni 1941 an Gestapo Düsseldorf, abgelegt im Staatsarchiv Düsseldorf). Am 4. März 1938 schreibt der Reg. Präs. in Wiesbaden dazu an das Konsistorium der ev. Kirche in Düsseldorf: “......die neuen Vorfälle beweisen, daß es sich um einen Staatsfeind schlimmster Sorte handelt. Sofern nicht die Entfernung des Pfarrers Koch aus seinem Amt geboten ist, ersuche ich, ihn doch schleunigst in einen anderen Ort außerhalb des Kreises Wetzlar zu versetzen. .....” Sein Verbleiben in der Gemeinde Oberwetz wurde immer schwieriger.

Zu Beginn des 2. Weltkrieges im September 1939 war er nach einer erneuten Denunziation wegen angeblicher  Fahnenflucht von der Gestapo in Wetzlar verhaftet worden, weil er sich zu diesem Zeitpunkt in einem genehmigten Urlaub in der Schweiz befunden hatte.  Obwohl er bei Kriegsausbruch sofort seinen Urlaub abbrach und nach Hause zurückkehrte, denn er war Reservist der Wehrmacht , war er mehrere Tage in Gestapohaft  und von dieser verhört worden. Nur dem Umstand, daß er zu diesem Zeitpunkt Angehöriger der Wehrmacht gewesen ist, war es zu verdanken, daß die Gestapo ihn aus ihren Fängen freigeben mußte.

Johannes Koch 1945

Die Wehrmacht hatte das Verfahren an sich gezogen und ihn in einem Kriegsgerichtsverfahren vollständig entlastet, weil die Behauptung des Lehrers offensichtlich völlig haltlos war. Er wurde zur Wehrmacht regulär eingezogen und als Dolmetscher in ersten Kriegsgefangenenlagern verwendet. Amtshandlungen konnte er in der Folgezeit, wenn er an Wochenenden nach Hause kam, nur noch in Uniform vornehmen, da jederzeit eine erneute Verhaftung drohte. Haussuchungen waren in der Folgezeit an der Tagesordnung.

Die Behörden (Reg. Präs. i. Wiesbaden) sperrten wegen der ständigen Querelen die staatlichen Zuschüsse zu seinem Pfarrergehalt und verlangten von der Kirchenleitung in Düsseldorf eine Versetzung in andere Bezirke des Reiches, andernfalls drohe Ausweisung aus dem Distrikt Wiesbaden. Die Vorgänge sind alle durch entsprechenden Schriftwechsel an den vorgenannten Standorten belegt.

Johannes      Else        Lothar            Oma Mathilde              Onkel/Bruder Walter     Udo        Waltraud

1946 in Bonn

Da die Situation in den hessischen Synoden der rheinischen Kirche auch nach seiner Entlassung aus der Wehrmacht im Winter 1940/41 und Rückkehr in seine Gemeinden nicht besser geworden war, hatte die Kirchenleitung ihn mit Wirkung vom 1. Februar 1941 zunächst nur kommissarisch in die vakant gewordene Gemeinde Gruiten/Rhld. versetzt. Dort hätte er nach einem Beschluß des Presbyteriums vom 27. 4. 1941 gewählt werden können, wenn die Kirchenleitung unter dem Kirchenpräsidenten Dr. Koch , einem  überzeugten Parteigenossen, dies nicht verhindert hätte. (Belege vielfältigster Art befinden sich im Archiv der rheinischen Kirche in Düsseldorf). Es gibt sogar Belege, daß dieser Kirchenpräsident mit Gestapostellen zusammengearbeitet hat. Nach dem Krieg wurde dieser Mann, der der Kirche sehr geschadet hat, von der neuen Kirchenleitung auch nicht mehr beschäftigt aber wohl auch nicht zur Verantwortung gezogen.

Else Koch 1946

Die Gestapo in Frankfurt hatte den Wohnsitzwechsel des Pfarrers Koch von Oberwetz nach Gruiten in einem Übergabeschreiben vom 27. Juni 1941 der Gestapo in Düsseldorf mitgeteilt und um weitere Beobachtung gebeten.

Das Schreiben enthält ein lückenloses “Sündenregister” von Pfarrer Koch aus seiner hessischen Zeit mit Ausnahme der Verhaftung 1939, die ja für die Gestapo “nicht gut” ausgegangen war. Das Original des Schreibens befindet sich im nordrhein-westfälischen Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf. Um gewählt zu werden forderte die Kirchenleitung seit 1938 von ihren Pfarrern einen Treueid auf den Führer, den aber viele Pfarrer der Bekennenden Kirche niemals abgelegt haben.

Die Kirche forderte das, obwohl  der Chef der Reichskanzlei, Martin Bormann, in einem Erlaß  87/38 vom 8. August 1938 über “die Vereidigung evangelischer Geistlicher” dieses als Forderung des “Führers”  ausdrücklich verneinte und als innerkirchliche Angelegenheit erklärt hatte.

Die Kirchenleitung in Düsseldorf und nicht nur diese beriefen sich auf Anweisung des EOK (Evangelischer Oberkirchenrat, Berlin) auf § 174 des Beamtengesetzes von damals und verlangten unentwegt den Treueid von allen versetzten und neuordinierten Pfarrern.

In der Rheinischen Kirche soll es nach Unterlagen der Rh. Kirche am Ende des Krieges über 200 Pfarrer der Bekennenden Kirche gegeben haben, die den Treueid verweigert haben. Manche, so u.a. der bekannte Pfarrer Paul Schneider, haben diese Haltung mit dem Leben bezahlt!

                 Udo            Johannes       Waltraud          Else          Lothar        in Keeken 1957

Pfarrer Koch hat diesen Eid u.a. mit Hinweis auf seinen Fahneneid als Soldat und sein Ordinationsgelübde bis zum Ende des Krieges 1945 stets abgelehnt, konnte deshalb nicht gewählt werden und wurde als einzige Alternative zu erheblich reduzierten Bezügen in den Wartestand versetzt, um überhaupt seine Familie ernähren zu können. Die Pfarrstelle hat er deshalb bis zu seiner Berufung nach W-Unterbarnmen im Jahre 1946 nur kommissarisch verwalten dürfen.

 

Gegen Ende des Krieges in Gruiten (etwa Ende März 1945) soll es im Amt Gruiten oder Kreis Niederberg eine Liste gegeben haben, die einige Todeskandidaten, u. a. den kath. Prälaten Bernh. Marschall und den ev. Pfarrer Joh. Koch, enthielt. Einer der leitenden Beamten im Amt Gruiten, Herr Friedrichs, ein treues Gemeindeglied, hat den Pfarrer Koch sofort gewarnt. Pfarrer Koch richtete sich daraufhin in aller Heimlichkeit in einem stillgelegten Steinbruch eine Höhle mit Decken und Lebensmitteln ein, um beim Erscheinen des Kommandos evtl. noch schnell untertauchen zu können. Hierüber wußte nur seine Frau Bescheid. Erst nach dem Krieg hat er die näheren Einzelheiten auch seiner Familie erzählt. Nach ähnlichen Vorkommnissen in der NS-Zeit ist diese Schilderung  als absolut glaubhaft anzusehen. Ein amtliche Beweis dieses Vorgangs konnte jedoch bisher leider nicht entdeckt werden. Möglicherweise handelte es sich ja seinerzeit auch nur um eine mündlich vorgetragene Absichtserklärung der örtlichen Parteileitung?

Es ist jedoch bekannt, daß in anderen Orten noch viele regimekritische Personen ermordet worden sind.

So wurden bei Solingen-Ohligs am 13. 4. 45 noch 71 Personen in der Wenzelnbergschlucht durch Genickschuß von SS-Verbänden hingerichtet. Erst am 16. April 1945 wurde Gruiten von den Amerikanern Dank des Eintretens eines mit den Amerikanern verhandelnden Oberleutnants weitestgehend kampflos eingenommen.

Die ev. ref. Gemeinde Gruiten hat sich in der ganzen Zeit politisch neutral verhalten. Das Presbyterium wußte aber, daß  Pfarrer Koch der Bekennenden Kirche angehörte. Dennoch hatte das Presbyterium in seiner Sitzung vom 27. April 1941 den Beschluß über den Superintendenten an die Kirchenleitung geleitet, Pfarrer Koch wählen zu dürfen.

Wenn auch die Gemeinde sich “neutral” verhielt, so gab es dennoch eine große Zahl an Gemeindemitgliedern, die sich selbst als zur Bekennenden Kirche gehörig verstanden. Stellvertretend sind an dieser Stelle Fr. Dr. Strub, eine sehr engagierte und tapfere Frau, und Herr Friedrichs ausdrücklich genannt.

Nach dem Krieg und den prägenden Ereignissen der Kirchenkampfes in der Zeit von 1933 bis 1945 wurde Pfr. Koch 1946 in die Großstadtsynode Wuppertal, Gemeinde Unterbarmen, berufen, in der während der Kampfzeit viele bekannte Pfarrer der Bekennenden Kirche gewirkt haben.

Silberhochzeitspaar am 29. 6.1952

Beim Regierungspräsidenten in Düsseldorf hat er zeitgleich für sich und seine Familie die Änderung seines Namens von “Koch” in “Koch-Mehrin” beantragt, um u. a. nicht mit dem inzwischen ausgeschiedenen Kirchenpräsidenten A. Koch verwechselt zu werden. Der Genehmigung dazu wurde vom Bürgermeister in Mehrin ausdrücklich zugestimmt. In der Ortschaft Mehrin, - Altmark, Bezirk Magdeburg der damaligen SBZ (später DDR),- wirkte von 1796 bis 1817 sein Urahn Conrad Dietrich Koch als Pfarrer. Im Jahre 1807 zerriß Pfr. C.D. Koch ein Dekret des französischen Königs von Westfalen vor den Augen seiner Gemeinde, denn er war ein preußischer Patriot. Auf Widerstand gegen die napoleonische Besatzung stand die Todesstrafe. Joh. Koch fühlte sich seinem Vorfahren  wegen des Widerstands gegen ein Unrechtssystem wesensverwandt und wollte nicht zuletzt deshalb den Ort damaligen Widerstands in seinem Namen führen.

 

Naturgemäß sind über die weiteren Stationen seines beruflichen Lebens keine solchen Ereignisse, die denen der Kriegszeit gleichkamen, zu vermelden. Er war in Unterbarmen einer von 12 Pfarrern. In den Jahren 1950 bis 52 hat er als zuständiger Pfarrer den Wiederaufbau der Unterbarmer Hauptkirche geleitet und zu einem guten Ende gebracht.

Pfr. Koch betätigte sich in der Zeit zunehmend neben seiner seelsorgerischen Tätigkeit als wissenschaftlich arbeitender Theologe und pflegte Kontakte ins benachbarte und überseeische Ausland. Bekannt geworden ist von ihm ein Kommentar über “Römer 13” in der Zeitschrift “Evangelische Theologie” Heft 7, vom Jan. 1953. Im Jahre 1956 wurde er als Pfarrer in die kleine niederrheinische Gemeinde Keeken-Schenkenschanz bei Kleve berufen. Ein bißchen Gemeindearbeit und viel wissenschaftliche Arbeit, das war sein Ziel.

 

 

Die Rheinische Kirchenleitung ernannte ihn zum Beauftragten für ökumenische Zusammenarbeit, der er sich ausgiebig bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1965 widmete. Auch im “Unruhstand” war er auf diesem Gebiet weiterhin tätig. Am 23. März 1968 verstarb er in Kleve. Beigesetzt wurde er auf dem Unterbarmer Friedhof.

 

Im Jahre 2003 hat die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland mit einer Dokumentation von Fr. Dr. Rauthe unter dem Titel “Scharfe Gegner” etwa 200 Pfarrer und Kirchenbedienstete geehrt und ihre damaligen Situationen dadurch posthum als wirkliche Notsituation anerkannt. Ein Biogramm über Pfarrer Johannes Koch befindet sich in diesem Buch auf den Seiten 248 - 251. 

 

Die vorstehende Beschreibung des Lebensweges von Pfarrers Johannes Koch kann jedoch wegen der Fülle des Materials nur eine Kurzbiographie sein. Neben dem erwähnten Biogramm von Fr. Dr. Rauthe hat aber Herr Prof Dr. Günther van Norden / Bonn, ein profunder Kenner der Rheinischen Kirchengeschichte, in einer umfangreichen Dokumentation unter dem Titel  “Ein Pfarrer in der Resistenz” sein gefahrvolles Leben in einer gnadenlosen Diktatur und seinen  vorbildlichen Einsatz für eine Bekennende Kirche in der Zeitschrift “Kirchliche Zeitgeschichte”, Heft 2/2003, geschildert.

 

 

Velbert-Neviges, im März 2004,

F.d.R.  U. Koch-Mehrin,

 <ältester Sohn von Pfarrer Johannes Koch>

 

 

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Daten und Ereignisse überwiegend entnommen aus folgenden Veröffentlichungen:

 

Udo Koch-Mehrin